Wie gehe ich damit um, wenn meine Familie und Freunde mich nicht unterstützen?

Ich erlebe mehr Unterstützung von Fremden aus dem Internet als von meinem nahen Umfeld.
Ratgeberkolumne: Kim’s Kreativ-Kummerkasten

Liebe Linda. Vor mehr als acht Jahren, da lebte ich noch mein hippes Großstadtleben in Hamburg, launchte ich meinen ersten online Blog namens „Bauchgedacht“. Ein bisschen fühlte ich mich wie Carrie Bradshaw, mit Zigarette zwischen den Fingern  am Laptop sitzend und über den pinken Hamburger Abendhimmel blickend, während ich mir ausmalte, wie ich mit meinem Schreiben hunderte von Herzen berühren würde.
Dem Titel der Website aller Ehre machend, tippte ich einfach drauflos, ohne große Gedanken an SEO oder aktuelle, trendende Themen – ich wollte einfach nur schreiben. Über alles.
Den Blog zu veröffentlichen und damit mein Herz online auszuschütten war einschüchternd und beflügelnd zugleich. Diesen Traum hatte ich viiieeele, viele Jahre über Schulzeit, Studium und diverse Jobs hinweg gehegt, und ihn mit diesem Schritt etwas wahrer zu machen, fühlte sich noch bedeutender an als mein Platz im Doktorandenprogramm in London.
Ich wollte die ganze Welt mit meinem Schreiben berühren, unterhalten, und verzaubern.
Dann verlinkte meine Schwester kurzerhand ein paar meiner Artikel in ihrer Instagramstory. „Lest alle diesen wunderbaren Blog!“, schrieb sie.
Und habe ich nicht eben noch beteuert, wie sehr ich gelesen werden wollte?

„Stopp das sofort, nimm deine Story wieder raus!“, blaffte ich sie an.
Ich wollte gelesen werden, wirklich. Außer halt von Freunden, Verwandten und Bekannten, die hauptsächlich ihre Instagramstory ansahen. 
Da hatte ich extra einen separaten Instagramaccount erstellt, um meine Texte abseits meines Umfelds zu promoten! Ich hatte sogar einige Bekannte blockiert, weil ich nicht von ihnen in dieser Entstehungsphase gesehen werden wollte. Was ich wollte, war die Märchenstory: im Internet eine feste Leserschaft aus fremden Bewunderern aufbauen, damit alle, die mich kannten, dazustoßen und mich bestaunen und beklatschen könnten, wenn ich mit Millionenpublikum bereits super erfolgreich war.

Als ein paar Jahre später tatsächlich die ersten Erfolge von außen reinkamen, in Form einer festen Kolumne für ein Online-Magazin, oder in Form eines Buchdeals mit einem kleinen Verlag (der später zerplatzte, aber das ist eine Story für einen anderen Tag), reagierte der Großteil meines Freundes- und Verwandtenkreises…. gar nicht.
Niemand aus meinem Umfeld teilte meine Beiträge, Newsletter, Kolumnen oder empfahl meine Texte weiter. Für niemanden schien es überhaupt ein großes Ding zu sein. Die Anfrage vom kleinen Verlag und Gastbeiträge in weiteren, mittelgroßen Magazinen wurden nichtmal beglückwünscht, allenfalls mit einem Schulterzucken abgetan.
Und ich war enttäuscht, wütend, frustriert und völlig verständnislos.
Wieso halfen mir meine Frende nicht mit meinem großen Traum, indem sie die Werbetrommel rührten? Zu meiner Sichtbarkeit beitrugen?
Es ist ein schwer zu beschreibendes, fast demütigendes Gefühl, wenn enge Freunde auf jede noch so unbedeutende Story reagieren, es aber bei den wichtigen Dingen nicht schaffen, auf „teilen“ und „kommentieren“ zu klicken.
Irgendwie schien es meine Bestätigung zu sein, dass ich einem schwachsinnigen Vorhaben hinterlief. Eine Illusion jagte.

Wenn eine Geschichte rausmuss, muss sie raus.
Völlig egal, ob sie gelesen wird oder nicht.

Also, liebe Linda. Ich fühl dich.
Und die beste Antwort, die ich dir geben kann, ist diese hier:
Als Kreative legen wir unsere ganze Seele in das, was wir tun. Wir lassen unsere tiefsten Wünsche, Hoffnungen, Ängste in unsere Arbeit einfließen.
Es ist schwierig, das Schreiben „nur“ als Job zu sehen, weil es einen so großen Teil von uns enthält, völlig egal, ob wir Fiktion schreiben oder nicht.
In den letzten 15 Jahren habe ich viele verschiedene Jobs gemacht, aber keiner davon ist vergleichbar mit dem Schreiben. Mit der Art, wie ich damit verwachsen bin.
Und in keinem einzigen Job bin ich so lange geblieben wie am Schreiben.
Es ist der tiefe Atemzug am Meer, die ersten Sonnenstrahlen am Morgen; ein bisschen ist es sogar, als würdest du den Zauberstab schwingen und etwas Magisches aus dem Nichts erscheinen lassen.
Das Schreiben ist ein einziger Traum; wenn nicht sogar der Kindheitstraum der meisten AutorInnen.
Und dann wiederum fühlt es sich an wie ein steiniger Aufstieg auf einen nie endenden Berg, während die schleppende Last unserer Erwartungen und Zweifel uns den Rücken krümmt.

Kreativität ist in diesem Sinne das Unkraut, das aus dem Beton emporwächst.
Nichtmal die widrigsten Umständen können uns den Zugang zu unserer Kreativität verwehren – oft finden wir hier, an den ungewöhnlichsten Orten und in den hoffnungslosesten Situationen ganz besonders tiefe Verbindung. Dann, wenn es am wenigsten vernünftig ist, kreativ zu sein, müssen wir ausgerechnet sofort unserer Stimme Ausdruck verleihen.
Weil das Schreiben und die Kunst unseren Emotionen Sinn verleihen.
Es ist kein Zufall, dass die meisten Poeten erst zu Poeten werden, wenn sie unausweichlichen Herzschmerz erleben.

Wenn Fremde aus dem Internet dir mehr Support schenken als dein eigenes Umfeld

Ich schreibe das nicht, Linda, um das Schreiben zu romantisieren; wobei ein bisschen Glitzer und Herzchenaugen für die eigene Kunst noch nie jemandem geschadet haben.
Doch wenn du so sehr verwachsen mit deiner kreativen Kunst, deiner eigenen Magie bist, fällt es schwer, zu akzeptieren, dass es nicht allen Menschen um dich herum genauso geht. Wir sind ganz schön sensibel, wenn es um unser Schaffen geht.
Einerseits wollen wir nicht in unserer verletzlichsten Phase gesehen werden, und andererseits wollen wir die Bestätigung von unserem nahen Umfeld, dass das, was wir da tun, auch etwas taugt, wirklich gut ist.
Wir wollen, dass andere unsere Träume genauso unterstützen wie wir es tun würden.
Wenn sie es nicht tun, nehmen wir es persönlich.
Die fehlende Unterstützung fühlt sich an wie eine Ablehnung gegen unser innerstes Sein – weil unsere Arbeit natürlich den Kern unseres Seins enthält.
Sensibel zu sein, ist Teil unserer Arbeit.
Aber deshalb schmerzt ausbleibende Unterstützung besonders doll. Deshalb sind wir meist die, die die Kunst und Vorhaben anderer bedingungslos unterstützen indem wir interagieren, teilen, anpreisen. Weil wir wissen, wie wichtig es ist, für die eigene Seele.

Weißt du, in den vier Jahren, in denen ich regelmäßig Kolumnen und Artikel schrieb, bekam ich mehr Support und Liebe von Fremden aus dem Internet als von Freunden und Familie. Und das höre ich von vielen Kreativen.
Aus deiner Frage lese ich, dass es dir ähnlich geht.
Die einzige, die jeden meiner Texte gelesen hat, ist meine Mutter.
Wieso?
Vielleicht wollen sich die anderen erstmal angucken, was wir da tun, bis sie einen gewissen Erfolg feststellen.
Vielleicht hat es damit zu tun, dass unsere Familien und Freunde uns als eine Person sehen, wir in der Kreativität aber eine ganz andere Persönlichkeit zum Ausdruck bringen. Wir sind plötzlich Fremde.
Vielleicht ist es ihnen auch schlichtweg unangenehm, für Bekannte „Werbung“ zu machen; vielleicht gefällt ihnen einfach nicht, was wir da tun; und, ganz vielleicht, eventuell, denken die meisten einfach gar nicht weiter drüber nach. 


Denn im Prinzip sind wir immer zuerst mit uns selbst beschäftigt, dieses universelle Gesetz gilt nämlich nicht nur für Künstler und Kreative, sondern für ALLE!
(I know, wer hätte es gedacht?)

Wie du siehst, Linda, habe ich keine klare Antwort darauf, wieso sie uns nicht unterstützen.
Aber vielleicht definieren wir auch den Begriff „Unterstützung“ zu engstirnig.
Findet echte Unterstützung unter Freunden und Familie nicht auch auf unerwartete Weise statt?
Ganz abgesehen vom Teilen und Kaufen unserer Bücher und Texte.
Wer ist für uns da, wenn wir den dritten Nervenzusammenbruch über dem Lektorat haben? Wenn wir nach langen Nachtschichten eine heiße Suppe brauchen?
Wer hält unsere Launen in Zeiten der kreativen Blockade aus? Wer bringt uns auf andere Gedanken, geht mit uns ins Kino oder auf den Flohmarkt, wenn das neue Projekt noch nicht so anlaufen will wie erhofft?
Genau. Ich wette, es gibt mindestens eine Person, die du gerade vor Augen hattest.
Auch das ist eine Art der Unterstützung, die zählt.

Wir sind nie wirklich allein

Egal, wie allein wir uns fühlen mit dem, was wir da aufbauen; wenn wir einmal die Augen aufmachen, erkennen wir, dass wir gar nicht ganz so allein sind, wie wir dachten. Wir müssen nur bereit sein, das anzunehmen, was andere als „Unterstützung“ definieren. Oder die ganzen hundert-Jahre-alten-Klassiker lesen, denn wenn du einmal verstehst, dass Menschen seit jeher dieselben Probleme, Fragen, und Gedanken hatten wir du heute, ist es unmöglich, dich allein oder zu wenig unterstützt zu fühlen.

Meine Schwester hat übrigens seit damals nie wieder einen Beitrag von mir geteilt. Ich glaube, sie liest sie mittlerweile nicht mal mehr. Und wenn ich es mir genau überlege, ist das okay, denn im Prinzip gehört sie gar nicht zu meiner Zielgruppe.
Genau wie der Großteil meiner Freunde und Verwandten.

Am Ende, liebe Linda, lese ich aus deinen Worten etwas, das mir ganz vertraut ist, weswegen ich von Schreibherz zu Schreibherz mit hundertprozentiger Sicherheit sagen kann:
Du wirst nicht aufhören, deinen Weg zu gehen, weil dir Unterstützung von deinem Umfeld fehlt.
Du wirst weiterkämpfen, für dich und deine Kunst, du wirst kämpfen, um gesehen zu werden, um deine Bücher zu verkaufen; bei Fremden, bei Freunden, bei denen, die dich feiern, und auch bei denen, die es vielleicht irgendwann öffentlich tun – vielleicht aber auch nie.
Ist das der einfache Weg? Sicher nicht.
Aber es ist der einzige, wenn dein Herz fürs Schreiben schlägt.

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