Von besonderen Begegnungen im Alltag

„Ich habe auch mal geschrieben“, sagt die Dame am Nebentisch und lächelt mich an.
„Wie bitte?“ Ich nehme meine Kopfhörer ab, nicht sicher, ob ich sie richtig verstanden hab.
„Ich sagte nur,“ zaghaft deutet sie auf meinen Laptop, „ich habe auch mal geschrieben. Aber per Hand. Bei Ihnen geht das so schnell, wie sie in die Tasten hauen. Das habe ich nie gekonnt.“ Die Falten graben sich mit ihrem Lächeln tiefer in ihr Gesicht. Ich schätze sie auf Ende Siebzig, nicht unbedingt wegen der Falten, sondern wegen der Art, wie sie spricht und wie sie dort sitzt und ihr belegtes Sandwich würdevoll mit Messer und Gabel isst.
„Bestimmt waren Sie schneller, als ich es auf dem Computer bin.“ Ich lächle kurz zurück und mache Anstalten, meine Kopfhörer wieder aufzusetzen – ich will unbedingt heute mit diesem Kapitel weiterkommen – da setzt sie wieder an, in jenem Ton, der eine längere Geschichte ankündigt.

Ich habe so viel erlebt, Dinge, die die jungen Menschen gar nicht mehr kennen, und das wollte ich weitergeben.


„Wissen Sie, zu meiner Zeit war das ja alles noch nicht so, mit den Computern. Aber ich habe so viel erlebt, Dinge, die die jungen Menschen gar nicht mehr kennen, und das wollte ich weitergeben. Für die nachkommenden Generationen festhalten, verstehen Sie.“
Ich werfe einen sehnsüchtigen Blick auf den blinkenden Cursor, lasse die Kopfhörer sinken und umfasse stattdessen meine dampfende Tasse Kaffee.
Das war’s dann wohl mit der Schreibsession im Café.
„Was haben Sie denn geschrieben? Und wo kann ich es lesen?“
„Ach“, sagt sie in diesem Ton, als wolle sie alles Gesagte herunterspielen, und legt Messer und Gabel zur Seite. „Das können Sie nicht lesen, ein Nachbar von mir war so freundlich, meine handgeschriebenen Texte zu kopieren und zusammenzubinden, und das haben wir dann an die Kinder in unserer Straße verteilt. In Irland, wissen Sie. Damit die eine Vorstellung haben, wie es war, unter Bomben groß zu werden – und unter der Bedrohung der IRA zu leben.“
„Sie haben in Irland gelebt und ein Buch darüber geschrieben?“
„Ich lebe in Irland, bin aber hier aufgewachsen. Momentan besuche ich die restliche Familie in Deutschland. Vor kurzem habe ich hier eine Freundin beerdigt.“

Zarte Hände und schwierige Umstände

Aus den Augenwinkeln nehme ich wahr, wie mein Bildschirm in den Stand-By-Modus geht, das Manuskript völlig sich selbst überlassen.
Aber dieses Mal ist es mir egal, weil diese Frau meine volle Aufmerksamkeit hat, während Sie mir ihre Geschichte anvertraut – und ihre Geschichte ist eine, die man nicht alle Tage zu hören bekommt.
Ihre Mutter hat sie allein großgezogen, damals zu Kriegszeiten in Deutschland. Es war schwer, nicht nur für ihre Mutter, auch für sie selbst. „Ich konnte nie verstehen, wieso meine Mutter uns das angetan hat, so ganz allein, wissen Sie. Das hat Jahre gedauert, bis ich die Schuldzuweisungen endlich loslassen konnte.“
Als junges Mädchen zog sie ganz allein  – ohne Mutter – nach Irland, diesmal verspürte sie Schuldgefühle gegenüber ihrer Mutter, weil sie sie allein gelassen hatte. („Verstehen Sie – wenn man zu Kriegszeiten aufwächst, ist das alles so kompliziert. Als Frau ist man nicht viel wert gewesen, zumindest nicht als Alleinstehende.“).


Von dort aus habe sie immer mal wieder an verschiedenen Orten gelebt und gearbeitet. Zwei Jahre unterrichtete sie in Kenia; „aber da war ich noch wirklich jung, man möge meinen, zu jung, um in ein völlig anderes Land zu gehen – heute ist das ja alles viel unkomplizierter, aber ich sage Ihnen, die Kultur damals war so anders als alles, was wir hier kannten, das hat mich umgehauen“. In Kenia hat sie so viel Liebe, so viel Dankbarkeit erfahren, fröhliche und neugierige Kinder unterrichtet, „ganz so, wie Kinder sein sollten. Das war eine wunderbare Erfahrung.“
Und ein erheblicher Gegensatz zu ihrer Zeit in London, wo sie in den Achtzigern als Lehrerin gearbeitet hat. Als sie von London erzählt, spielt sie an dem Henkel ihrer Teetasse herum. Die Bewegung berührt mich. oder ist es die Vorstellung, dass jemand mit so zart aussehenden, seidigen Händen so viel erlebt hat?

Hier geht es immer nur um die Wirtschaft,
arbeiten, arbeiten, arbeiten. So viel Härte.
Manches Mal glaube ich, die Menschen hier
haben vergessen,
wie es funktioniert, zu leben.

Eines Tages, nachdem sie den Unterricht beendet und die Toilette aufgesucht hatte, fiel ihr das Schild auf, das die Schüler ihr vor Stunden auf den Rücken geklebt haben mussten. In schwarzen, fetten Druckbuchstaben stand da:
MRS. H I T L E R
Natürlich hat sie danach weiter unterrichtet, dieselbe Klasse, es gab damals keine Alternative. Sicher, es wären die Achtzigerjahre gewesen, da waren die Zeiten eben noch anders, vor allem die Engländer waren den Deutschen gegenüber viel feindseliger eingestellt, sagt sie und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Heute habe sich das alles geändert; aber so richtig wohlgefühlt habe sie sich hier in Europa nie, nicht seit Kenia. Weder in Deutschland, noch im Vereinigten Königreich, und mir leuchtet langsam ein, wieso sie ihr Buch für die Nachbarskinder geschrieben hat. Jede Person, die mehr über die Vergangenheit versteht – über echte Erfahrungen – ist ein Gewinn.

Besondere Begegnungen im Alltag: Menschen mit einer Geschichte
Besondere Begegnungen im Alltag sind Menschen mit einer Geschichte.
Credits: Daniel Franco via Unsplash.

„Wissen Sie; hier geht es immer nur um die Wirtschaft, arbeiten, arbeiten, arbeiten. So viel Härte. Manches Mal glaube ich, die Menschen hier haben vergessen, wie es funktioniert, zu leben. Güte. Die Menschen in Kenia haben eine Güte, nach der ich hier vergeblich suche. Aber was erzähle ich Ihnen – Sie sind sicher auch viel gereist, so wie die jungen Leute das heute so machen, Sie haben ganz bestimmt viel mehr von der Welt gesehen als ich.“ Ich höre, was sie sagt, aber so ganz kann sich mein inneres Auge nicht von dem Bild der Lehrerin mit Schild auf dem Rücken lösen.
Kurz sehe ich sie als junge Lehrerin vor mir. Bestimmt war sie sehr einfühlsam gegenüber ihren Schülern. Und dann bin ich mir sicher, dass ich garantiert kein Klassenzimmer mehr betreten würde, wenn meine Studierenden mir etwas auf den Rücken klebten.

Was zählt wirklich, wenn alles einmal endet?

„Leben Sie hier?“, unterbricht sie meine Gedanken.
„Ja. Ich bin vor drei Jahren wieder hierhergezogen, in meine alte Heimat,“ antworte ich und mache eine Handbewegung in Richtung meines Laptops. „Hauptsächlich, um zu schreiben. Hier habe ich die Ruhe dazu, und es tut auch gut, wieder in der Nähe meiner Familie zu sein.“
„Ja, da sagen Sie was. Wissen Sie, in meinem Alter hat man nicht mehr so viele Verwandte und Bekannte. Das leuchtet mir aber erst so richtig ein, seitdem ich meine Freundin beerdigt habe.“
„Das tut mir sehr leid“, sage ich.
Sie winkt ab. „So ist das Leben nun mal, oder? Allerdings habe ich schon oft überlegt, ob ich nicht wieder hierherkomme, in meine Heimat. In Irland ist es doch recht einsam im Alter, vor allem, wenn man niemanden mehr hat. Das war mir vorher nur nie aufgefallen, als ich meine Lebenspartnerin noch hatte. In der Einsamkeit kommen einem die interessantesten Einfälle, sehen Sie. Aber Sie sind noch jung, davon brauche ich Ihnen gar nichts zu erzählen.“

„Wissen Sie, alle Geschichten haben ein Ende.
Ob gut oder schlecht, liegt immer in unserem Ermessen,
nicht wahr?
Ich habe meine Lebenspartnerin hier im Friedwald
um die Ecke beerdigt.
Schlimm war das, so etwas ist immer schlimm.
Aber am Ende zählen ohnehin nur Erinnerungen.
Das, was hier drin bleibt.“

„Was schreiben Sie denn überhaupt? Wovon handelt Ihre Geschichte?“ Sie deutet wieder auf meinen Laptop.
„Ich schreibe einen Roman. Eine Liebesgeschichte.“
Wissend nickt sie. „Am Ende ist es das, was wirklich zählt, nicht wahr. Die Liebe. Begegnungen.“
Wieder weiß ich nicht so recht, was ich darauf antworten soll und nehme unbeholfen einen großen Schluck Kaffee.
„Es hat kein klassisches Happy End. Mein Buch“, sage ich dann.
Wieder nickt sie.
„Wissen Sie, alle Geschichten haben ein Ende. Ob gut oder schlecht, liegt immer in unserem Ermessen, nicht wahr? Ich habe meine Lebenspartnerin hier im Friedwald um die Ecke beerdigt“, sie macht eine Handbewegung Richtung Fenster, „Schlimm war das, so etwas ist immer schlimm. Aber am Ende zählen ohnehin nur Erinnerungen. Das, was hier drin bleibt.“
Mit dem Zeigefinger tippt sie sich auf die linke Brust und der elegante Übergang von „eine Freundin“ zu „meine Lebenspartnerin“ ist mir nicht entgangen.
„Haben Sie denn jemanden?“, fährt sie fort. „Eine Person, um die sich Ihre Geschichte dreht, meine ich?“ Wieder das sanfte Lächeln, und ich lächle zurück.
„Nein, aktuell nicht. Ich schreibe Fiktion.“
„Aha. Aber da gab es jemanden? Der als Inspiration gedient hat?“
Ich lasse den Blick zu den Pärchen am Tisch gegenüber und an der Theke schweifen, ehe ich antworte.
„Da gab es jemanden, ja. Aber das ist seit Monaten vorbei.“
„Und Sie hängen noch dran. Deshalb schreiben Sie drüber.“
Sie sagt es ganz sanft, ohne Mitleid, ohne Vorwurf, aber in einem Ton, der keinen Zweifel lässt.
„Ja, ich kann nicht ganz loslassen.“
„Hmm. Das hat ja meistens einen Grund.“
Plötzlich sitzt da wieder ein kleiner Kloß in meinem Hals, ich versuche, ihn wegzulächeln.
„Es hat keinen Sinn. Er wohnt… weit weg.“
„Sie haben sich noch nie gesehen?“
Wider Willen muss ich lachen.
„Doch. Wir haben uns vor einem Jahr kennengelernt und danach mehrmals gesehen. Aber am Ende… hat es einfach keinen Sinn mit uns.“
Sie blickt mich unverwandt an, mit diesem weisen Blick, als wüsste sie etwas, das ich noch nicht wissen kann.

Nun, nichts ist unmöglich, oder?
Halten Sie fest an dem, was Sie fühlen.
Gefühle ergeben selten einen Sinn.


„Nun, nichts ist unmöglich, oder? Ich sage, halten Sie fest an dem, was Sie fühlen. Das ist es, worauf es ankommt. Gefühle ergeben selten einen Sinne. Und was daraus wird, kann niemand je wissen, oder?“ Sie beugt sich näher, senkt die Stimme fast verschwörerisch.
„Nicht jeder Mensch hat das Glück, besondere Begegnungen zu erleben, wissen Sie. Und irgendwann geht ohnehin alles zu Ende. Aber für den Moment…“ Sie lehnt sich wieder zurück, blickt mit einem fast sehnsüchtigen Blick aus dem Fenster. „Ich denke, wenn wir die Chance haben, Liebe zu erleben, sollten wir sie nutzen. Ich glaube manchmal, wir haben das verlernt. Aber das Leben ist zu kurz, wissen Sie.“

Aus der Frau am Nebentisch ist ein Mensch mit einer Geschichte geworden

Ich nicke. Ja, das Leben ist zu kurz. Ironischerweise habe ich diesen Satz auch immer von dem Mann gehört, über den wir gerade sprechen.
Und trotzdem – manchmal, vielleicht sogar öfter als selten, laufen die Dinge eben anders, als wir es uns wünschen.
Oder?
„Nun, ich muss langsam – ich will Sie auch nicht weiter stören.“
Sie erhebt sich, zieht ihren Mantel an und auch ich stehe auf, etwas perplex durch ihren abrupten Abschied, bin noch gar nicht bereit, sie gehen zu lassen.
 „Ich wünsche Ihnen alles Gute mit ihrem Buch, und mit diesem Mann, den Sie nicht loslassen können.“
„Es hat mich unglaublich gefreut, Sie kennenzulernen“, sage ich. Sie legt ihre Hand um meine. Sie fühlt sich kalt, aber weich an.
„Mich auch. Und vergessen Sie nicht – alles, was bleibt, ist am Ende das hier.“ Sie lässt mich los und legt ihre Hand noch einmal über ihr Herz. „Geld und Erfolg können wir nicht mitnehmen, wohin wir auch gehen, wenn das alles einmal endet. Nur Liebe. Und Begegnungen.“
Dann verlässt sie das Café, und ich sehe ihr noch lange nach, vertieft in ihre Geschichte, mein eigenes Manuskript völlig vergessen.
Aus der Frau am Nebentisch ist innerhalb einer Stunde ein Mensch mit Gefühlen und einer echten Geschichte geworden.
Vielleicht sind die besondersten Begegnungen jene,
die wir am wenigsten erwarten.

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